Geschichte und Rekorde
Die Firma aus Lambrate
Das ist seit achtzig Jahren ein Synonym für den Motoroller schlechthin: Es wurden alleine vom
Stammhaus über 4 Millionen Exemplare gefertigt, zusammen mit den Lizenzfertigungen in Europa,
Südamerika und Indien gehört die Lambretta somit zu den meistgebauten Zweirädern der Welt.
Innocenti
Der Firma Società Anonima Fratelli Innocenti, 1931 in Mailand gegründet, stellte ursprünglich Stahlrohre her und fertigte während des zweiten Weltkrieges unter anderem Rüstungsgüter und Fahrzeugteile in BMW-Lizenz.
Geburtsstunde
1945 wurde der Ingenieur Pierluigi Torre mit dem Entwurf eines Rollers beauftragt. Der Name stand als erstes fest: Das Fahrzeug sollte Lambretta, nach dem Fluß Lambro im Mailänder Stadtteil Lambrate heißen — dieser floss zur damaligen Zeit mitten durch das Werksgelände.
Das Ergebnis war ein günstiger Motorroller mit gekapselter Triebsatzschwinge und einem Stahlrohrramen. Das später bekannte Blechkleid beschränkte sich anfangs auf einen Spritzschutz vor den Füßen.
Modellpalette
Die Ausstattung der zweitaktbetriebenen Roller reichte vom 125ccm-Motor mit 4,3 PS der ersten Modelle, bis zum 200ccm-Triebwerk mit 12 PS zu Ende der Entwicklung 1971.
Wachstum und Innovationen
Der Erfolg der Lambretta stellte sich schnell ein, und schon bald vergab Innocenti neben der eigenen
Produktion weltweit Lizenzen, so z.B. in Deutschland an die NSU Motorenwerke, in Spanien an
Serveta/Lambretta Locomociones SA und in Indien an SIL/Scooters India Ltd.
Die Lambretta-Modelle zeichneten sich immer durch besonders hohe technische Qualität und Innovation aus: So gehörten Fahrzeuge aus dem Hause Innocenti zu den ersten mit serienmäßiger elektronischer Zündung und Scheibenbremse.
Ein wunderbarer Artikel zur Produktionsstätte in Lambrate und ihrer Ausstattung ist bei Lambretta Frame Check zu finden; ebenso ein sehr detaillierter Artikel zur Geschichte Innocentis.
Rekorde
Waren die ersten Lambrettas und Vepas in den Nachkriegsjahren nur eine preiswerte, neue Möglichkeit sich fortzubewegen (ohne sich dafür komplett zu vermummen wie auf dem Motorrad), so entstand doch umgehend ein Duell zwischen den Fahrern der Marken, welcher Roller der schnellere wäre.
Hatte die erste Lambretta mit 125ccm gegenüber der Vespa mit nur 98ccm einen deutlichen Vorsprung, so gelang es doch umgehend, sich mit jeweiligen Sportausführungen abwechselnd das Siegertrepchen streitig zu machen.
Während die Rennen zunächst nur von Privatfahrerern bestritten wurden, erkannten die beiden Hersteller Innocenti und Piaggio doch sehr schnell, dass die Rennen für ungemeine Popularität der Produkte sorgten und erstklassige Verkaufsargumente lieferten: "Win on Sunday, sale on Monday" wurde im englischen Motorsport treffsicher formuliert.
In Italien lieferten sich Piaggio aus Pontedera, MV Agusta aus Varese und Innocenti aus Mailand zu Begin der 1950er Jahren immer erbitterte Duelle, und die zum Einsatz kommenden Fahrzeuge hatten mit den Serienmodellen oft nicht mehr viel gemeinsam.
Innocenti beschäftigte eine große Anzahl von Mitarbeitern in der Entwicklungsabteilung mit dem Bau
neuer, immer speziellerer und schnellerer Modelle. Ausgesuchte Privatfahrer konnten ab Werk die
Raketen auf 8“ und 10“ erwerben, den weniger betuchten Fahrern bot man spezielle Umbaukits an, die
trotzdem weit außerhalb des Budgets eines gewöhnlichen Rollerfahrers lagen.
Lambretta Bitubo
Hervorzuheben ist bei den Rennmodellen die Lambretta Bitubo, die mit 12“-Alufelgen, 4-Gang Getriebe, einem um 180° gedrehten Zylinder und Doppelrohrauspuff bereits 1951 locker die 100km/h-Marke knackte. Mehre Exemplare entstanden, in der letzten Ausführung erreichte sie mit einem speziellen Alkoholgemisch-Kraftstoff 150km/h.
Die Bitubo sorgte weltweit für Aufsehen und steigerte die Popularität der Lambretta erheblich, so dass Innocenti sie geschickt für Marketingaktionen einsetzte. In Deutschland wurde eine mit NSU-Wappen auf dem Tank umgetaufte Maschine eingesetzt.
Siluro-Torpedo
Nachdem Innocenti offiziell im Februar 1952 in das Renngeschäft eingestiegen war, reihte sich
Erfolg an Erfolg, ein Rekord jagte den nächsten – zweifelsohne angestachelt durch die Konkurrenz
von Piaggio, die sich ebenfalls mühten das Maximum aus ihre Vespas heraus zu kitzeln.
Im September/Oktober 1950 wurden mit einer speziell präparierten Lambretta A 22 Weltrekorde aufgestellt. Die Antwort aus Pontedera ließ nicht lange auf sich warten, eine Vespa setzte die neue Bestmarke auf 171km/h.
Bei Innocenti realisierte man, dass es nur mit einem komplett überarbeiteten Entwurf möglich sein würde, die Geschwindigkeit weiter zu steigern. Das Team um Ing. Torre konstruierte und entwickelte nicht nur den Motor weiter, der jetzt dank mechanischem Kompressors 16PS bei 9000rpm lieferte, sondern versah das ganze Fahrzeug mit einer charakteristischen Verkleidung, deren aerodynamischen Funktionalität im Mailänder Polytechnikum überprüft wurde.
Bereits im April 1951 erreichte man Spitzengeschwindigkeiten von 190km/h, die jedoch auf den noch stark kriegsgeschädigten italienischen Autobahnen nicht weiter ohne Risiko erhöht werden konnten.
Aufgrund der guten Beziehungen zu NSU in Deutschland wurden neue Wege gesucht und gefunden: Am 8. August 1951 wurde die Autobahn München – Ingolstadt für wenige Stunden gesperrt und die unter höchster Geheimhaltung herbeigeschaffte Lambretta auf die Straße losgelassen. Unter nicht ganz optimalen Wetterbedingungen gelang es Fahrer Romolo Ferri, die 200km/h-Marke zu durchbrechen und mehrere neue Weltrekorde aufzustellen.
Der von der Lambretta gesetzte Rekord für Spitzengeschwindigkeit in der 125cc-Klasse wurde erst viele Jahre später gebrochen. Noch heute, 60 Jahre nach der Rekordfahrt, nimmt die Lambretta einen achtungsvollen zweiten Platz in der Rangliste ein.
Im Mailänder Museum für Technik hat die Weltrekord-Lambretta einen Ehrenplatz und man kann sich als Betrachter, trotz des fehlenden originalen Motors, nur schwer ihrem Bann entziehen.
Lambretta 250
Der Star der 1951er Motorradshow „Fiera di Milano“ war zweifelsohne die Lambretta 250. Innerhalb
kürzester Zeit hatte das Entwicklungsteam des CentroStudi, Innocentis Entwicklungsabteilung, unter
Leitung von Ing. Torre und Ing. Salmaggi ein Motorrad geschaffen, das mit einem Paukenschlag der
Konkurrenz von Moto Guzzi, Ducati und Co die Fähigkeiten der Lambretta-Konstrukteure zeigte.
Der 4-Takt 90°-V-Zweizylinder hatte 250ccm und leitete bei 9500rpm 28PS über das 5-Gang Getriebe und die Kardanwelle an das 21“ große Hinterrad.
Nach dem Debüt entstanden verschiedene Versionen des Motorrads, die den verschiedenen Problemen (Zündung, Federung, Fahrverhalten) Rechnung trugen.
Der erste offizielle Einsatz fand Ende Mai 1952 im Französischen Bergerac statt, nach Führung über 17 Runden fiel das Fahrzeug von Fahrer Romolo Ferri wegen gebrochenem Schaltarm aus. Die zweite Lambretta 250 ging wegen gebrochener Zündwelle nicht an den Start.
Während des ganzen Sommers 1952 wurde die Maschine gründlich überarbeitet und startete mit komplett geändertem Getriebe im September in Locarno. Erneut wurde trotz beeindruckenden Höchstgeschwindigkeiten die Ziellinie nicht erreicht.
Die Weiterentwicklung wurde während des ganzen darauf folgenden Jahres fortgesetzt und die Maschinen bei einigen Rennen eingesetzt. Da man letztendlich nicht alle Probleme beheben konnte, wurden die Arbeiten 1953 zu Gunsten der Roller-Entwicklungen eingestellt.
Trotz der geringen rennsportlichen Erfolge war die Lambretta 250 ein Synonym für die Fähigkeiten der Ingenieure unter der Regie von Ferdinando Innocenti und eine klare Ansage an die eingesessenen Motorrad-Hersteller in Italien: „…wenn ihr in den Rollersektor einsteigen möchtet, werden wir dies im Motorradsektor sicher auch tun.“. Glücklicherweise überlebte ein Exemplar der letzten Entwicklungsstufe die vergangenen 60 Jahre und ist heute im Lambretta-Museum in Rodano bei Mailand zu bewundern, ein bebilderter Artikel ist auch beim Lambretta Club of Australia zu lesen.
Die Krise
Die Krise im Zweiradgeschäft zum Ende der sechziger Jahre ging aber auch an Innocenti nicht spurlos vorbei: 1971 wurde die Produktion eingestellt, 1972 kaufte Scooters India Ltd. (SIL) alle Fertigungsmaschinen und stellte nach Muster der DL noch bis Ende der 90er Jahre Lambrettas in Uttar Pradesh (Indien) her. Serveta in Eibar (Spanien) fertigte ebenfalls Motorroller auf Basis der 3. Serie LI/SX unter dem Namen Lince und Jet 200 bis Mitte der 80er Jahre.
Heute
Heute erfreut sich die Lambretta bei Oldtimerfreunden steigender Beliebtheit als Fahrzeugklassiker mit hohem Kultwert.
